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Bella's Brief an Gott

Veröffentlicht am 22.05.2016

Bella räumt ihr Haus auf. Dabei ist ihr letzthin ein Brief an Gott in die Hände gefallen, den sie ungefähr mit elf oder zwölf Jahren im Religionsunterricht schreiben musste. Bella ist sehr berührt und auch etwas erstaunt, als sie den Brief nun wieder liest. Denn sie fühlt sich heute, nach so vielen Jahren, nicht so sehr anders als damals als Kind. Ihre Lebensstimmung hat sich nicht verändert und ihre Fragen und Zweifel, ihre Hoffnung, dass alles gut wird, scheinen sich durch ihre gelebten und noch zu lebenden Jahre zu ziehen.     

Lieber Gott

Zuerst muss ich dir sagen: ich bin froh, dass es dich gibt. Was würde ich ohne dich tun. Seit ich lebe bin ich allein, fühle mich unverstanden und von meiner Umgebung nicht geliebt. Oft frage ich mich, wieso ich eigentlich hier auf dieser Welt bin, es macht keinen Unterschied ob ich da bin oder nicht, die Vögel zwitschern auch ohne mich. Ich nehme an, ich lebe weil ich im Vertrauen zu dir lebe. Was der Tod ist weiss ich nicht. Ich habe meine tote Grossmutter gesehen, sie war friedlich und ruhig. Ich glaube, sie ist im Vertrauen zu dir gestorben. Und ich habe den Todeskampf meines gottlosen Grossvaters gesehen. Es scheint mir daher genau zwei Alternativen zu geben und ich bin mir sicher, welche ich wählen würde. Wenn ich also einmal sterben werde – was ich zwar nicht glaube, denn ich muss ja zuerst noch in die Schule, dann arbeiten und heiraten und all diese Dinge tun. Das braucht Zeit, sehr viel Zeit. Wenn ich dennoch einmal sterbe sollte, dann werde ich das im Vertrauen zu dir tun. Doch wie gesagt, ich glaube nicht, dass es einmal soweit kommen wird. Mein Leben scheint unendlich lang zu sein, und alte Menschen sind für mich unwirklich und sehr weit weg. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie einmal so waren, wie ich es jetzt bin. Es sind für mich Statisten in meinem Spiel und darum irgendwie unwirklich. Ebenso wie die alten Menschen ist für mich auch der Tod unwirklich. Doch vielleicht werde ich einmal sterben und es scheint keinen anderen Weg zu geben, als im Vertrauen zu dir an diesen Ort des Todes zu gehen.

Dennoch sind meine Zweifel was dich betrifft gross! Sie sagen mir, man müsse halt an dich glauben. Doch was heisst das schon – an dich glauben?! Sie sagen, man müsse Gutes tun, damit man bei dir sein kann, doch für mich bist du jenseits von Gut und Böse. Was soll ich also tun!? Manchmal wenn ich am Abend nicht einschlafen kann weil ich weinen muss, beginne ich aus Verzweiflung zu beten: „unser Vater im Himmel“, beginne ich dann zu stammeln. Oft bricht mir dabei die Stimme wieder ins leise Schluchzen ab – meine Tränen soll niemand im Haus hören – doch dann finde ich mit meiner ganzen Willenskraft meine Stimme wieder und ich stammle leise immer weiter vor mich hin: „geheiligt werde dein Name – dein Reich komme – dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden – unser tägliches Brot gib uns heute“ – und ich spreche immer weiter und weiter: „und vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Wenn ich schliesslich am Ende bin –  „in Ewigkeit Amen“ – dann beginne ich wieder von vorn und so weiter in einem fort bis die Wort meine unerklärliche Traurigkeit durchbrechen und ich etwas ruhiger werde. Ist das Glauben?! Du bist meine Zuflucht, meine Sehnsucht und du bist zugleich mein Abgrund. Du bist meine unerklärliche Dunkelheit, dabei sagen sie doch, du seiest das Licht! Ich sollte vielleicht meiner Stimme vertrauen, sie scheint irgendwie zu dir durchzudringen. Ich sollte singen, denn ich fühle, dass es keinen anderen Weg zu dir gibt und ich sollte tanzen, wenn der Tanz die bewegende Stimme meines Körpers ist.

Lieber Gott, sag mir zu Schluss noch eines, danach lasse ich dich wieder deine Arbeit tun: Siehst du mich, wenn ich weinen muss und wirst du mir einmal sagen, warum gerade ich hier auf der Welt bin? Warum ich lieber Gott, es gäbe doch noch so viele andere Möglichkeiten. 

Bella