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Die Suche nach dem Einen

Veröffentlicht am 15.12.2016

Lieber Bär

Du sprichst in deinem letzten Beitrag ein wichtiges und wie ich meine auch schwieriges Thema an. Ich verstehe dich gut. Doch ich glaube, um dir zu antworten, muss ich etwas ausholen. Aus meiner Sicht sind unsere Beziehungen zu anderen Menschen von einer grossen Sehnsucht getragen, die mit durchdringender Notwendigkeit jedes menschliche Leben durchzieht.

Es ist die Sehnsucht nach Einheit, letztlich die Sehnsucht nach dem Einen aus dem wir alle kommen und in das wir alle wieder gehen werden. In diesem Sinne hat wohl unser Leben den Charakter einer Durchreise. Um es mit einem etwas abgelutschten Klischee auszudrücken: wir sind einsame Wanderer. Wir kommen alle aus dem Licht des Einsseins und auf unserer Lebensreise gehen wir wieder auf dieses Eine zu. Unser Leben in der vielgestaltigen Welt scheint also eine Art Bardo-Zustand zu sein. In diesem Zustand durchwandern wir die mannigfaltige Welt der Formen und Gestalten, während wir im Herzen die Erinnerung der Einheit in uns tragen. Diese Erinnerung an das lichtvolle Einssein suchen wir aus meiner Sicht im Blick des Anderen wieder zum Leben zu erwecken. Wir versuchen unser Herz mit dem Herzen des anderen zu verbinden, um die Ahnung des ewigen Einsseins nicht erst am Ende unserer Reise, sondern bereits auf unserer Durchreise Gewissheit werden zu lassen.

In der liebenden Begegnung mit dem Anderen erhalten wir wohl tatsächlich die Möglichkeit, im alltäglichen Austausch unser Getrenntsein auf das Eine oder auf das Einssein hin zu transzendieren. In schönen zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem wohl in der liebenden körperlichen Vereinigung, können wir erleben oder zumindest erahnen, dass unsere Seele unteilbar ist, ewig und in Wahrheit vereint. Im anerkennenden Austausch mit anderen Menschen streben wir deshalb danach erkannt zu werden als der oder diejenige die wir sind, einzelne kleine Wassertropfen die aus ihrem alles durchdringenden Element gefallen sind.

Doch das Wort „Liebe“ ist ein schwieriges Wort. Es ist nämlich sehr schillernd und in den Fängen des alltäglichen Lebens wird die darin enthaltene Ahnung der Einheit oft von grosser Enttäuschung umgeben. Menschliche Beziehungen sind komplexe Gebilde und sie neigen wie kaum etwas anderes zur Abgründigkeit. Ich halte es in diesem oft sehr verwirrenden Bereich gerne mit Nietzsche, der die Vorgänge in diesen subtilen Beziehungsgeflechten einfach, ja fast gewalttätig als Machtspiele auf den Punkt bringt. Nach Nietzsche will nämlich der irdisch liebende Mensch nicht die Einheit erlangen, sondern gerade das Getrenntsein betonen und darin über die Seele wie auch über den Körper des ersehnten Anderen unbedingte Macht erlangen. Hier ist der Liebende eben nicht einer der im Sinne der Einheitsahnung, wie ich sie vorhin zu schildern versuchte, liebt. Vielmehr strebt er im Gegenteil nach Alleinherrschaft und nach dem Alleinbesitz der oder des geliebten Anderen. Sein Streben geht somit in gewisser Weise auch zum Einen oder besser zum Einzelnen hin. Wobei es sich bei dieser Art der liebenden Vereinigung nicht um das Eingehen in die Seeleneinheit handelt, sondern um den Wunsch nach Exklusivität. Der oder die Liebende sucht sein kostbares Liebesgut nicht im Grunde seiner Seele zu erkennen, vielmehr hat er den Wunsch, sich über den Anderen zu erheben, um sein Eigentum zu bewahren.

Es ist wohl sehr schwierig, im Blick des Anderen die wahrhaftige Seeleneinheit zu erkennen und damit dem anderen in liebender Anerkennung zu begegnen, sei es in einer körperlichen Liebesbeziehung oder sei es im täglichen zwischenmenschlichen Gespräch. Doch ich bin mir sehr sicher, dass es möglich ist. Wenn es gelingt, ist es vielleicht so ähnlich wie fliegen, frei und leicht. Doch bevor wir fliegen können, müssen wir wohl zuerst gehen lernen. Das Gehen ist für uns Durchreisende essentiell. Wir glauben es alle zu können, doch aus meiner Sicht treten die wenigsten wirklich mit festen Schritten auf den harten Grund auf. Oft kriechen wir mehr als dass wir gehen! Wie Hunde suchen wir im Blick des Anderen unseren anerkennenden Herrn und Meister. Wie Schauspieler suchen wir den Applaus unseres Publikums zu erhaschen und sobald wir einen Schritt von der umjubelten Bühne hinter den Vorhang der Einsamkeit machen, sinken wir im Elend der Selbstzweifel zusammen. Wir gehen nicht, wir kriechen wie hechelnde Hunde vor den Anderen! Um fliegen zu können, um also im Blick des anderen die eigene Seele erkennen zu können, müssen wir zunächst lernen, aufrecht auf beiden Füssen im hintersten und einsamsten Winkel stehen zu können. Sind wir darin einigermassen standfest, dann müssen wir lernen, den rechten Fuss vor dem Linken fest aufzusetzen und dann den Linken wieder vor den Rechten und immer weiter. Dabei müssen wir den Blicken der Anderen standhalten, um sie schliesslich als das zu erkennen was sie sind, die eine lichtvolle Seele, das Eine, das Ewige.

Nietzsche sagt, dass der erste Schritt zum festen Gang in der Erkenntnis liegt, dass dem, welcher sich nicht selbst gehorcht, von anderen befohlen wird. Schaffen wir diese, wie ich meine, gar nicht so leichte Hürde, dann werden wir auf unserer Durchreise nicht mehr gehen, sondern fliegen! Doch seien wir nicht voreilig. Bleiben wir besser noch etwas auf dem Boden in täglicher Achtsamkeit und Umsicht darauf, wie wir gehen, kriechend oder aufrecht. Nietzsche betont nämlich, dass es – auch wenn wir das oft nicht wahr haben wollen – leichter ist, „anderen zu gehorchen, als sich selbst zu befehlen“. In diesem Sinne, bleiben wir also standhaft!

Bella