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Hunger 5 - Ein Brief für Bella

Veröffentlicht am 07.10.2015

Liebe Bella

Du stehst jetzt an einem sehr schwierigen Punkt in deinem Leben und du fühlst dich von mir überfordert. Vielleicht hast du dich tatsächlich etwas übernommen? Du bist verzweifelt und du hegst die starke Befürchtung, dass du mir nicht gewachsen bist. Du bist ja nun wieder umgezogen in dein altes Heim. War das eine gute Idee?

Ich denke, es wäre an der Zeit, dich wieder einmal zu besuchen. Doch ich habe im Moment viel zu tun. Die Jahreszeit fordert viel von mir! Die Vergänglichkeit wird im Moment vielleicht etwas mehr sichtbar als zu anderen Zeiten und die Menschen können schlecht mit dem Umstand der Veränderung umgehen. So habe ich viele Anfragen zu beantworten. Bella, es wird Herbst, bald schon Winter und du träumst vom Meer?

Ich denke, es wäre gut, wenn wir uns möglichst bald einmal sehen könnten. Doch bis dahin ist es mir ein Anliegen, einige kurze Worte an dich zu richten. Ich nutze die Gelegenheit und gebe dir bis zu unserem nächsten Treffen einige Anweisungen zu deiner täglichen Praxis.

Zunächst ist es wichtig, dass du begreifst, dass du dich beim Praktizieren ganz bewusst in die Verbindung zu den Anderen einlassen musst. Denn – auch wenn du es nicht wahr haben willst – allein wirst du kaum erfolgreich sein. Du brauchst Verbündete! Bella, übe dich im Gefühl der Verbundenheit. Ich weiss, diese Forderung löst bei dir grosse Wut und Ohnmacht aus. In der Vergangenheit bestand für dich die Verbundenheit im Gefühl, dass der zwischenmenschliche Austausch nur zur gegenseitigen Vergrösserung des Leidens führt. Die Suche nach Verbundenheit zu anderen endete für dich bisher immer in Frustration. Nun solltest du versuchen, eine Friedensstrategie mit dir selbst auszuhandeln, denn sonst wird sich deine Praxis gegen dich selbst wenden, sie wird dich zerstören. Bella, du hast kein Vertrauen, zu nichts und niemandem, dein Leben besteht aus nichts anderem als aus dem Gefühl der Enttäuschung und des Widerstandes. Wenn du nicht bald beginnst deine Praxis ins Gefühl der echten Verbundenheit zu hüllen, wirst du scheitern.

Deine weitere und nähere Vergangenheit war schrecklich. Deine Umgebung hat dich Verleugnet, sie haben deine Emotionen und Gefühle sabotiert. Bella, warum harrst du in diesem Zustand aus. Warum nur tust du dir das an?

Bella, meditiere über die Frage der Vergänglichkeit. Das ist deine grosse Aufgabe! Die Meditation über die Frage der Vergänglichkeit wird dich aus dem Gefühl des Widerstandes herausführen, weil sie die Widersprüchlichkeit aller Beziehungen an den Tag bringt. Bella, brich jetzt hier nicht ab, habe noch einen Moment Geduld und höre meine Erklärung zu diesem Punkt. Um dich mit mir und damit mit den anderen ohne Wut und Ängste verbinden zu können, musst du den Widerspruch als eine der Seele innewohnende schöpferische Kraft annehmen. Leben ist Komplexität und die Widersprüchlichkeit ist eine Form des Ausdrucks dieser Komplexität. Ich muss dir nichts über die philosophische Geschichte des Widerspruchs erzählen, du hast dich jahrelang damit beschäftigt. Seit Aristoteles gilt der Widerspruch in der abendländischen Geistesgeschichte als die Vergegenwärtigung des Unmöglichen und damit als Zeichen der Unwahrheit. Bella, ich weiss, dass du den Widerspruch in theoretischer Hinsicht immer geliebt hast. Du scheinst schon sehr früh irgendwie gespürt zu haben, dass Widersprüchlichkeit und Wahrheit in gewissem Sinne eins sind. Doch wie so oft – ach Bella oder sollte ich sagen, wie immer – konntest du deine Gefühle und Einsichten bisher nur theoretisch oder in einer Art Möglichkeitswelt leben. Du warst Hegel immer dafür dankbar, dass er den Widerspruch als die komplexe Kraft des Wachstums anerkannt hat. Du hast den blossen linearen Fortschritt schon immer verschmäht und du hast darin in Hegel einen theoretischen Verbündeten gesehen. Doch du hast deine theoretische Überzeugung immer nur in deiner emotionalen Innenwelt gelebt. Du konntest deine Innenwelt nicht mit der Aussenwelt in Verbindung setzen. Bist du tatsächlich dazu verdammt, mich niemals wirklich kennenzulernen?! Bella, du sprichst von Geburt und Wandlung. Du hast alles erkannt, Bella du siehst alles ganz genau vor dir mit deinen dunklen Augen. Nun handle! Bella, ich sage dir, es ist die Turbulenz und die ihr inne wohnenden Widersprüche, die eine ganzheitliche Wandlung herbeiführen. Dagegen ist das, was so oft als „Veränderung“ ausgegeben wird, nichts anderes als eine Ersetzung eines Bildes, eines Aussehens oder eines Systems durch ein anderes. Hegel hatte einen sehr komplexen Wahrheitsbegriff und er war ein Meister darin, riesige theoretische Systeme aufzubauen. Du hast der begrifflichen Philosophie den Rücken gekehrt, weil du Nietzsche als deinen gedanklichen Verbündeten ansiehst. Aber Nietzsche hat mit Blut und Tränen philosophiert. Er hat die Einsamkeit in Kauf genommen, um die leibhaftige Vereinigung von Widerspruch und Wahrheit im Ethos der Authentizität zu leben. Worauf wartest du noch Bella? Verbinde dich mit der Kälte des Bergsees, in dessen Auge du schon seit langer Zeit blickst und verbinde seine Tiefe und dunkle Gefahr mit neuem Mut. Nietzsche fand die Klarheit und die Kraft des Widersprüchlichen in asketischer Einsamkeit. Doch was er tatsächlich suchte, war Verbundenheit. Bella, du musst Nietzsche überwinden, denn er blieb eigentlich ebenso wie Hegel in seiner Theorie gefangen. Um Wahrheit in Verbundenheit leben zu können, musst du in deiner Praxis die simplen Intentionen blosser Aufrichtigkeit zugleich in sich fassen und transzendieren. Bella enttäusche mich nicht, lebe den Ethos der Authentizität in aller Konsequenz. So möchte ich dich in meine Arme nehmen, ich möchte deinen warmen und geschmeidigen Körper fühlen.

Dein Leben.