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Selbstretreat - Bella's Erfahrungsbericht

Veröffentlicht am 21.02.2017

Bella macht ein Selbstretreat. Man muss dazu sagen, Bella kann manchmal sehr naiv sein. Blauäugig, wie sie tatsächlich ist, packt sie einen Koffer mit ihren schönsten (extra für diese drei Tage geshoppten) Kleidchen, malt sich ihre Zehennägel rot an (das sieht auf der Yogamatte immer gut aus) und zieht für drei Tage in die Einsamkeit. Man möchte ihr sagen, Bella, mach doch nicht immer so ein riesen Tamtam.

Bella dachte sich, dass es recht angenehm und entspannend sein müsste, so ein Retreat, schick und voll dem urbanen Lifestyle entsprechend. Raus aus dem Trubel des geschäftigen Alltags und rein in die Sphären des eigenen Selbstes. Wie spannend und inspirierend! Alle, die so etwas schon gemacht hatten und ihr davon erzählt hatten, waren begeistert von den „nährenden Erfahrungen“, die sie machen durften. Bella dagegen verwechselt in ihrem Retreat Persönlichkeitsentwicklung und Wohlbefinden mit spiritueller Suche und fällt dabei prompt auf die Nase, weil sie letzterem nicht entrinnen kann. Typisch für Bella, immer muss sie gleich alles übertreiben. Müssen wir uns nun Sorgen machen? Aber nein, Bella macht nur Spass – nur Spass Bella, oder?

Mein erstes Selbstretreat

Es waren schreckliche Tage und Nächte. Die Einsamkeit eines ganzen Lebens auf drei Tage komprimiert. Die Sinnlosigkeit meiner Existenz jede Minute in mein Herz geatmet. Wohin nun?

Ich habe in diesen drei Tagen nichts gesucht, gefunden habe ich Dunkelheit und stechende Verzweiflung. Am Freitag bohrte sich die Dunkelheit direkt in mein linkes, am Samstag bohrte sie sich direkt in mein rechtes Auge. Sie blieb am Sonntag hartnäckig und nun sind beide Augen glücklos geschlossen.

Halt gesucht habe ich auf der Yogamatte in meinen Übungen. Doch gefunden habe ich Abgründe, die mich tränenreich in die Tiefe rissen. Ich habe unter Tränen geübt, stundenlang, alle drei Tage. Nein, aufgegeben hätte ich nie!

Tagebuchauszug:

Die Tränen fliessen drei Tage und drei Nächte lang. Dennoch mache ich weiter mit meinen Übungen, ich beisse mich durch, versuche mich zu beruhigen. Es ist, als ob mich meine Übungen in die äusserste Verzweiflung treiben würden. Natürlich versuche ich mich zusammenzureissen, rede mir sozusagen gut zu, doch das befördert den Tränenfluss nur noch mehr und es wachsen laute Schreie daraus. Niemand hört mich.

Ich habe in diesen drei Tagen mein Leben verloren. 72 Stunden haben 44 Jahre verschlungen. Nun habe ich nichts mehr. Ich habe sogar meinen Namen verloren. Die Namenlosigkeit als Gipfel meiner Nichtexistenz. Ich bitte um Verzeihung, aber das habe ich nicht ausgehalten! In meiner Ratlosigkeit habe ich mich an Ganesha gewandt. Doch er hat nur gelacht. Drei Tage lang hat er mich ausgelacht und sich dabei seinen wackelnden Bauch gehalten! Es war schrecklich, ich hörte ihn auch nachts. Dann habe ich allen Mut zusammengenommen und mich an Shiva gewandt. Ich sagte ihm, er habe genug auf mir herumgetrampelt und mich als Fussablage für seine Tänze missbraucht. Er habe doch nun erreicht was er wolle, er sei doch nicht nur Zerstörer, er sei doch auch Erschaffer! Ich war mir sicher, den Bogen bei ihm überspannt zu haben. Doch das war nicht so. Er hat verstanden, dass ich gesehen werden möchte, auch nach dem Verlust meiner selbst. Daher gab er mir den Namen Bella, Bella Blog. Ich kann damit leben. Ein namenloses Leben bleibt mir damit erspart, immerhin.

In gewisser Weise waren die drei Tage nichts Neues für mich. Niemanden sehen, nichts sprechen, Beschäftigung mit mir selbst, nichts anderes als tägliches Brot. Doch gerade dass diese drei Tage kein ausserordentliches Ereignis für mich waren, hat mich zerstört, vernichtet. Ich bin Versunken in mir, in der Leere meiner Existenz.

Tagebuchauszug:

Es ist alles andere als schön an diesem leeren Ort. Doch es bleibt mir nichts anderes übrig als zu bleiben. Adieu, Ciao und Goodbye. Es kommt mir so vor, als würde ich mitten im Leben sterben. Immer wieder der Gedanke „Ich will sterben, will nicht mehr leben – so!“ Doch ich habe weder Ahnung wie das gehen soll, lebend zu sterben. Noch kann ich mir vorstellen wie ich leben würde, wenn ich dieses „Gefühl“ des Sterbens ganz vollzogen hätte. Ich meine, wenn ich mich wirklich traue lebend zu sterben. Noch ist es nicht soweit, noch ist es lediglich mein Denken, das mich immer wieder in diesen scheinbaren Abgrund treibt. „Ich will sterben!“ schreit es immerzu in mir, ich kann es nicht stoppen. Es ist eine einzige Qual, eine Gefangenschaft in diesem Gedanken – drei Tage lang, die ein halbes Leben widerspiegeln. The woman they like to hate, ich kenne sie genau, sie ist in mir.

In diesen drei Tagen fühlte ich, dass alles verloren ist. Dennoch suchte ich verzweifelt nach Verbindlichkeiten und nach Sicherheiten. Gefunden habe ich jedoch nur Stagnation im luftleeren Raum, kein Zurück, kein Voran. Es gab nur Leere und Verzweiflung, als ob das Leben an einen toten Punkt gekommen wäre. Ich begann mich zu fragen, ob vielleicht der Yoga ein schlechter Führer für mich ist, denn ich sah mich am Rande eines furchterregenden Abgrundes stehen, den ich nicht zu durchqueren vermochte.

Tagebuchauszug:

Es scheint mir nur die Umkehr zu bleiben. Aus Unvermögen scheine ich den einst so hoffnungsvoll eingeschlagenen Weg wieder verlassen zu müssen. Die Hoffnung, mit der starken Kraft des Yoga aus den gewohnten trüben Bahnen heraustreten zu können, ist praktisch ganz geschwunden. Warum dann den Weg noch weiter gehen, es wäre verlorene Zeit. Ich bin ein verlorenes Leben. Nun versuche ich mich vom Anblick der Tiefe abzuwenden. Doch ich werde von hinten am Zurückweichen gehindert. Niemand gibt mir einen wohlwollenden Stoss voran, niemand nimmt mich in den Schoss des Altbekannten zurück. Heimatlos stehe ich da und bin sehr verzweifelt und voller Angst. Jemand versperrt mir den Weg zurück und den Weg voran bin ich unfähig zu gehen.

Ich fühlte, dass die Sicherheiten, die mich bis jetzt im Leben hielten, nun nicht mehr tragen. Immer wieder versuchte ich auf sie zurückzugreifen, doch sie entzogen sich mir. Sie schienen zwar noch griffbereit zu sein, dennoch liessen sie sich nicht mehr fassen. Ein stetiger Griff ins Leere war die Folge. Es wurde mir unerträglich. Die Suche nach dem äusseren Glück verloren, die Suche nach dem inneren Glück vergebens.

Was für ein Leben soll das sein, dieses Leben mit Yoga?! Ich glaube, ich will es nicht mehr. 

Bella