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Die Früchte fallen nicht

Veröffentlicht am 09.05.2018

Meine Oft-zu-hoch-Fliegende, du bist wie ein Berg auf der Erde, stark geformt zwar, doch auf unstrukturiertem Untergrund stehend. Du wirst gerade geschlachtet. Das Gelingen ist erschöpft, doch die Früchte fallen nicht.

Nun ist bereits die Zeit des Laubfalls gekommen. Mitten im Frühling, im Sommer schon fast, fallen deine Blätter du Schöngestaltige. Deine grosse Frucht jedoch ist noch ungegessen. – Muss denn alles zersetzt werden und zerfallen, mein Bringer der Dunkelheit und des Lichts? Wenn schon Zersetzung, dann doch wenigstens endgültig. So nimm den Dolch und vollende, pflücke du die letzte Frucht, Geliebter – Meine kleine Zweiflerin, die Wesen können nicht endgültig verenden. Sind sie erschöpft und bis auf die Knochen vernichtet, kommt etwas wieder, es kommt doch etwas wieder, es kommt doch die Wiederkehr. – Nein! Meine grosse Liebe, du hast mir mein Herz geraubt, als mich dein Blick traf, doch meinen Glauben an die Schönheit, an die Anmut kannst du mir nicht nehmen, Hartherziger! – Auch Anmut, du Verlorene, wird sich verändern. Die Anmut ist eine innere Bewegung des Herzens, welche durch die Tat eine äussere Reaktion, eine äussere Begrenzung hervorbringt. Diese Begrenzung ist ein Rahmen, der durch die Herzbewegung von innen her beleuchtet wird. Das ist die Anmut, Lilienhafte. Doch wisse: Menschen treiben es zu weit, immer. So wird Anmut, mein schönes Kind, zur Zierde und dann, glaube mir, ist deine reine Herzbewegung verloren. Denn die Anmut der Wahrheit schlägt sogleich um in Betrug, in zu viel des äusseren Schmuckes. Ich nenne es Zierde, ich nenne es Tand. Darum zerstöre die Schönheit, mein Engel, mein Glück, zerstöre deine Würde und falle um. Falle und tanze den Zerfall! Die Wesen können nicht endgültig verenden! Sie kehren wieder. Ah, endlich, meine Geliebte, endlich siehst du mich mit deinen grossen Augen an! Sei nicht beleidigt, Himmelsstürmerin! Glaube daran, dass die Waschung nun geschehen ist. Doch wisse genau: die Tat ist noch nicht geschehen. Die Tat steht aus. Die innere Bewegung muss sich klar äussern, meine Zauderin. Wie deine Ein- und Ausatmung die Kreisbewegung von Innen nach Aussen und zurück beschreibt, wohlwissend, dass ihr Mittelpunkt und das Innerste dieser Bewegung in deinem Herzen liegt, so ist es auch mit der Tat des reinen Herzens. Doch die Anmut dieser Tat, wie schön ihr Äusseres auch sein mag, birgt Gefahr, glaube mir meine Ästhetin! Die Anmut schlägt sogleich um. Tand Tand, du Liebe der Schönheit! Höre mir zu!! Wende dich nicht ab, meine Ritterin, wende dich nicht ab von mir! Sei standhaft, ich bitte dich, wende mir deine Stirn zu! Auch dort wo Zersetzung ist, auch dort wird dir nichts geschehen, auch dort wird deine Schönheit alle überstrahlen, auch dort. Darum wende dich nicht ab! Steh auf, steh zu deinen Taten und zu deinen Flüchen und vor allem wende dich nicht von mir ab, meine Sehnsucht! Verfluche mich, doch bleib bei mir und glaube an mich! Sei gewiss, du scharfzüngige Reiterin, die Zersetzung wird in Zerfall münden, doch die Wesen können nicht endgültig verenden. Nein! In aller Deutlichkeit sage ich, wende mir deine stürmische Vorderseite zu und verlasse mich nicht. Du bist stark an meiner Schulter. Gehst du jedoch alleine, bist du verwirrt und ziehst die falschen Schlüsse. Bleib! Wage es nicht von mir fort zu gehen! Deine wundervolle Schöpfung steht nur noch als Rahmen, als blosses Gerippe da, lachhaft. Ha! Schau mich an und bleib! Es stinkt nach Verwesung, denn es wird von unten her nicht mehr ausgefüllt. Es stinkt hier gewaltig nach Verwesung, meine Erbauerin. Dein Abschied ist endgültig gekommen! Bleib! Wende dich nicht ab, lass dich von mir erheben, bleib standhaft bei mir, verlass mich nicht! Ich bitte dich. Auf meinen zerschundenen Knien (oh sie haben schon viel erlebt!) liege ich vor dir, meine Königin und sage: Verlass mich nicht. Gib mir deine Hand, ich flehe zu dir meine Gebieterin, gib mir deine Hand und komm! Dein Abschied ist endgültig gekommen. Reiss dich los! Tand das Gewand, doch dein Herz ist Anmut und Reinheit und ja ich sage es in deine verzweifelten und verletzten Augen: es ist Wahrheit in deiner Brust. Taste den Weg mit deinen Füssen, wenn dir deine tränengefüllten Augen den Blick nicht frei geben, meine Starke. Taste und fühle mich und folge meiner Spur. Fühle meine Haut. Erinnere dich wie du sie liebkost hast. Erinnere dich du Ungläubige! Erinnere dich an das was du einmal warst und an das was wir einmal wieder sind. Erinnere dich und fühle meine Spur! Ich bin der Keim in dir, geliebte Ästhetin. – Ja, meine Liebe, meine Obhut, mein Herzensstern. Ja, mein Geliebter, mein Ende, mein Anfang. Im Spätherbst fallen die Blätter. Du bist mein lebensstarker Keim tief in der Erde, der die Winterkälte übersteht. Die Wesen können nicht endgültig verenden.     

Bella