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Macht Yoga nett?

Veröffentlicht am 03.05.2015

Hey, mein Name ist Bella. Hört mich da draussen jemand? Was ich wissen möchte, macht Yoga eigentlich nett? Ich meine, überall hört man, dass Yoga glücklich, gesund und schlank macht. Doch macht Yoga auch nett?

Ich bin der Ansicht, dass Yoga mehr ist als nur das Ausüben körperlicher Übungen mit dem Ziel, mehr Flexibilität und Kraft zu erhalten. Aus meiner Sicht ist Yoga sowohl eine physische und intellektuelle Herausforderung wie auch eine spirituelle Praxis. Yoga kann für mich tatsächlich letztendlich so etwas wie eine Transformation, eine tiefe Umwandlung des Wesens bewirken. In dieser Umwandlung scheint natürlich eine charakterliche Transformation enthalten zu sein. Ich kann also durch Yoga zu einem anderen Menschen werden. Doch werde ich dann zugleich auch zu einem netten Menschen?

Also ich meine, das ist für mich wirklich eine ernsthafte Frage, denn ich glaube ich bin nicht nett. Ich ecke vielmehr ständig bei anderen Menschen an, sei es mit meinen scheinbar provokanten Aussagen oder einfach mit meiner blossen Anwesenheit, die offensichtlich für manche Menschen schon zum Anstoss wird. Ich kann einfach nicht nett sein und das schlimmste ist – ich merke nicht einmal, dass ich nicht nett bin. Ich habe sogar oft das Gefühl, dass ich mir sehr grosse Mühe gebe, nett zu sein. Ich will mit meinem Verhalten niemandem auf die Füsse treten und versuche mich an Regeln zu halten. Doch irgendwie scheine ich die Nett-Sein-Regeln einfach nicht zu kapieren, sie wollen und wollen nicht in meinen Schädel hinein, obwohl ich mich bemühe, also ich glaube, ich bemühe mich wirklich! Doch es funktioniert einfach nicht.

Wenn es ein „Nettsein-Gen“ gibt, habe ich einen genetischen Defekt. In Gesprächen passiert es mir zum Beispiel oft, dass mein Gegenüber, in einer aus meiner Sicht spannenden Diskussion, plötzlich empört ausruft: „Du, was du jetzt gerade zu mir gesagt hast, ist im Fall unglaublich verletzend!“ Und plötzlich ist er wieder da, dieser seltsame Moment, vor dem ich mich so sehr fürchte. Die gemeinsame Herzebene die unser Gespräch so beflügelt hatte, ist mit einem Schlag zerstört. Ein falscher Satz, ein Wort zu viel, vielleicht war es auch nur der Klang meiner Stimme, bringt die verbindende Brücke, auf der unsere Worte die Schlucht zwischen zwei sich begegnenden Menschen überschreiten konnten, unverhofft zum Einstürzen. Ich versuche mich noch für meine verletzenden Worte – die ich selbst für so echt und klar hielt – zu entschuldigen. Doch alles, was jetzt noch gesagt wird stürzt unverstanden in den Abgrund der Trennung. In solchen Momenten breche ich dann aus allen Wolken, denn ich wähnte mich in einem anregenden Gespräch, das uns beide, mein Gegenüber und mich, in substantieller Art und Weise weiter bringen würde. Ich wähnte mich in einem Gespräch, das erhellend und somit auch beglückend sein konnte. Doch von einer Sekunde auf die nächst werde ich aus meiner Herzwärme herausgerissen und in meiner Brust wird es ganz eng. Mein Versuch, ein nettes Gespräch zu führen ist wieder einmal fehlgeschlagen.

In einem netten Gespräch bleibt die Stimmung konstant angenehm und unaufgeregt und die Gesprächspartner sind bedacht darauf, einen gewissen Abstand zu halten, sozusagen nicht in das Sein des anderen einzutreten. Ich dagegen versuche genau das. Jede Begegnung beinhaltet für mich ständig den Versuch, diesen Abstand zu negieren, mich im Anderen aufzulösen. Genau diese Eigenart scheint nun aber die Möglichkeit nett-sein-zu-können auszuschliessen. Nette Menschen halten immer einen gewissen Abstand zum Gegenüber, sie überschreiten die Grenze zum anderen nicht und umschiffen damit kunstvoll jede Fallgrube. Damit erreichen sie, dass sie nie anecken und dass sie immer und überall gut ankommen mit dem was sie tun und mit dem was sie sagen. Ich verstehe einfach nicht, wieso mir das nicht gelingt. Verzweifelt möchte ich wissen, wieso mir diese Gabe des Nettseins abgeht. Es wäre doch so viel einfacher für mich und es wäre vor allem viel angenehmer für mein Gegenüber, wenn ich nett wäre.

Es gibt jedoch auch Momente, in denen ich diese beklemmende Enge des „Wieder-einmal-zu-weit-gegangen-seins“ in meiner Brust nicht spüre. Oft sind es Momente, in denen ich, nach Zeiten der Geselligkeit, wieder allein bin und mich mir selbst sehr gewiss und nah fühle. In solchen Momenten frage ich mich, muss ich denn wirklich nett sein? Gehört das Nettsein zu meiner charakterlichen Transformation auf dem Yogaweg?

In seinem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ schreibt Friedrich Nietzsche im Kapitel mit dem Titel „Der Mensch im Verkehr“ über Gewissensbisse nach Begegnungen mit anderen Menschen. Ich glaube, es sind derartige Gewissensbisse, denen ich mit meiner Eigenart, nicht nett zu sein, aus dem Weg gehen möchte.

Gewissensbisse nach Gesellschaften. – Warum haben wir nach gewöhnlichen Gesellschaften Gewissensbisse? Weil wir wichtige Dinge leicht genommen haben, weil wir bei der Besprechung von Personen nicht mit voller Treue gesprochen oder weil wir geschwiegen haben, wo wir reden sollten, weil wir gelegentlich nicht aufgesprungen und fortgelaufen sind, kurz weil wir uns in der Gesellschaft benahmen, als ob wir zu ihr gehörten. (Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I)  

Hört mich da draussen jemand?

Bella