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Über Authentizität – Das zweite Selbst

Veröffentlicht am 06.08.2017

Gestern sass ich fünf Stunden beim Friseur. Ich hatte einmal wieder Zeit, einfach da zu sein, ja ich musste ganz einfach da bleiben, denn mein Kopf war über und über mit kleinen Wickerli übersäht und zudem stank ich fürchterlich nach Dauerwellenwasser. Ja genau, ich liess mir eine Dauerwelle machen, ganz viele klitzekleine Locken! Ohne schlechtes Gewissen, doch eigentlich etwas Besseres zu tun zu haben, war ich an meinen Friseurstuhl gefesselt und durfte ein Klatschheftli nach dem anderen anschauen. Wie wunderbar!

Nebenbei spitze ich die Ohren und hörte links und rechts ein wenig mit, was die Menschen um mich herum gerade so bewegte und beschäftigte. Dabei schnappte ich zwischen den Neuigkeiten zur aktuellen Beziehungssituation von Brangelina und den neusten Urlaubsfotos von Michelle Hunziker in meiner Illustrierten verschiedene Gesprächsfetzen auf. Das Geplauder zwischen einer Mitvierzigern mit Meches-Folie auf dem Kopf und einer jungen tipptopp geglätteten Friseurin liess mich einen Moment länger von meiner Klattschspalte hoch in den Spiegel und mittels des Spiegels – sozusagen um die Ecke herum – zu den beiden Plaudernden hinschielen.

„Ja genau, du hast vollkommen recht! Ich sage dir, ich fühle sofort, wenn ein Mensch, mit dem ich zu tun habe, hmm wie soll ich sagen, ich brauche nicht gern dieses abgelutschte Wort, doch ich finde kein anderes, ich meine, wenn er authentisch ist. – „Ja, ich verstehe, du meinst wenn er echt rüberkommt!?“ – „Genau, das meine ich!“ – „Ja aber wenn das nur immer so leicht wäre, authentisch zu sein! Ich meine, es ist doch gar nicht so einfach, bei all dem gesellschaftlichen Druck immer seinen eigenen Überzeugungen und Impulsen zu folgen. Wenn wir ehrlich sind, drehen sich unsere Gedanken doch bei allem was wir tun und sagen nur allzu oft darum, was die anderen wohl darüber denken und sagen würden und schon werden wir unsicher und verhalten uns anders als wir tatsächlich sind!“ – „Das ist eben die grosse Herausforderung, der wir uns im Alltag immer wieder stellen müssen! Doch ich bin überzeugt, die Achtsamkeit uns selbst gegenüber hilft uns immer wieder dabei, einen Schritt zurück zu machen und authentisch zu bleiben.“ – „Ja, das stimmt! Und ich sage dir, du wirst dich mit der Zeit besser fühlen, wenn du immer mehr deinen ureigensten Impulsen folgst!“ – „Ja, das sehe ich genau so! Denn wenn ich mich ständig verstelle, nur um den anderen zu gefallen, und mich selbst dauernd zurücknehme, dann kann das ganz schön inneren Druck aufbauen!“ – „Wem sagst du das! Das kenne ich gut! Seit ich mich immer wieder frage, will ich das wirklich, bin Ich es, die das will und folge ich meinem innersten Impuls oder mache ich einfach nur das, was die anderen von mir erwarten, geht es mir wesentlich besser! Darum glaube ich, dass authentisch sein glücklich macht!“

Nach diesem unglaublich gut klingenden Satz, den die Mitvierzigerin, über sich selbst überrascht, aus sich hervorgebracht hatte, klingelte das Telefon und die Meches-Kundin wurde sich selbst beziehungsweise ihrem wahren Ich überlassen. Mein Blick wechselte ein klein wenig die Richtung und schon schielte ich mittels des Spiegels nicht mehr zum Nachbarsstuhl, sondern blickte mich direkt selbst an oder besser, ich versuchte in mich hinein zu schauen, um die Wahrheit, die Echtheit in mir drin zu entdecken. Doch das einzige, was ich da sah war ein riesiges Chaos innen und akkurat platzierte Wickerli aussen. Mir wurde gleichzeitig heiss und kalt. Was sollte ich mit der nebulöse Forderung, authentisch zu sein und immer und überall meinen eigenen Impulsen zu folgen, anfangen?! Nachdem ich die letzte Seite der „Gala“ umgeblättert hatte, kam ich für mich zum überraschenden Schluss, dass mir die Forderung nach Echtheit und Wahrhaftigkeit nicht wirklich gut tut. Es muss, so war ich schlagartig überzeugt, andere Wege zum Glück geben. Ein Hund mag authentisch sein, ich aber bin ein Mensch!

Drei Gründe warum uns Authentizität nicht wirklich gut tut:

Erstens widerspricht die Forderung nach Authentizität der einfachen Tatsache, dass wir gar nicht wirklich wissen, wer wir sind. Kein Mensch kann von sich behaupten, dass er sich selbst durchschaut. Daher ist unser Innerstes alles andere als ein verlässlicher Kompass (auch wenn wir das gerne hätten und es uns immer wieder vormachen). Wir sind in dem was wir denken, fühlen und handeln in keiner Weise jemals kohärent, sondern vielmehr ein Wirrwarr widersprüchlicher Regungen. Wir verstehen uns selbst nicht und wenn wir nicht wissen, wer wir in Wahrheit sind, können wir auch nicht wahrhaftig und echt sein! Das, was bei unserem Versuch authentisch zu sein herauskommt, ist oder wäre also nichts anderes als das kompromisslose Herauskehren unserer Inkohärenz und Widersprüchlichkeit. Doch wollen wir diese menschliche allzu menschliche Verwirrtheit unseren Mitmenschen tatsächlich zumuten?! Aus meiner Sicht hat Authentizität ihren berechtigten Platz allenfalls innerhalb einer Lebenspartnerschaft. Vielleicht haben wir ja das Glück einen Partner oder eine Partnerin zu haben, die unsere Widersprüchlichkeit erträgt und trägt. Im Alltag und ausserhalb des geschützten Rahmens einer sehr vertrauten und engen Beziehung zu einem geliebten Menschen ist Authentizität aus meiner Sicht wenig hilfreich. Seien wir also gegenüber flüchtigen Bekannten niemals authentisch und seien wir es schon gar nicht gegenüber der Öffentlichkeit.

Dies bringt mich zum zweiten Grund, warum uns Authentizität nicht wirklich gut tut. Wenn wir versuchen, authentisch zu sein, machen wir uns nämlich lächerlich. Wer von den anderen in seiner Persönlichkeit respektiert werden will, sollte es vermeiden, sein Herz auszuschütten. Lassen wir daher die anderen niemals teilhaben an unserem inneren, von Unsicherheit und Widersprüchen gespickten Dialog. Sorgen wir dagegen für Konsistenz über die Zeiten hinaus (auch wenn es uns verständlicher Weise schwerfällt und auch wenn das, was wir gestern gesagt haben heute eigentlich gar nicht mehr stimmt). Menschen werden respektiert, weil sie halten, was sie versprechen und nicht weil sie in jedem Moment ihres Lebens ihren inneren Regungen nachgehen und versuchen, Meister der Gegenwart zu sein.

Drittens habe ich gelernt, dass Zellen Bausteine des Lebens sind. Jede Zelle ist von einer Zellmembran umgeben. Ihre Funktion ist es, schädliche Eindringlinge abzuwehren und genau zu regulieren, welche Moleküle diese Grenze passieren dürfen. Auf der Stufe des Organismus ist aus denselben Gründen die gleiche Organisation zu beobachten. Tiere haben eine Haut, Pflanzen eine Rinde. Ein Organismus ohne Aussengrenze würde sofort sterben. Aus meiner Sicht wäre daher der Versuch, immer und überall seinen inneren Regungen und Impulsen zu folgen, um authentisch zu sein, nichts anderes als das Aufgeben dieser eben geschilderten Barriere auf psychologischer Ebene.Damit fordern wir die anderen geradezu auf, uns zur Erreichung ihrer Ziele zu benutzen. Wenn wir authentisch sind, machen wir uns also nicht nur lächerlich, sondern darüber hinaus auch noch leicht angreifbar.

Schütten wir den anderen daher niemals leichtfertig unser Herz aus, stellen wir niemals unsere Schwächen zur Schau und entblössen wir in keiner einzigen Sekunde unsere von Selbstzweifeln zermarterte Brust! Seien wir ganz einfach nette und zuverlässige Menschen und erfüllen wir die Erwartungen der anderen. Versuchen wir im Alltag ein Mindestmass an Kohärenz aufzubauen, indem wir unsere Haut oder Rinde ernst nehmen und damit auch unser Glück ernst nehmen. Denn diese Barriere schirmt uns nicht nur gegen giftige Einflüsse ab, sie stabilisiert uns auch innerlich. Wie jede Abgrenzung schafft auch diese Aussenstruktur ein grosses Mass an innerer Klarheit.

Wir sollten also einerseits die anderen nicht mit unserer schattenreichen inneren Vielfallt belästigen! Andererseits sollten wir eben diese innere Vielfallt geniessen und genussvoll in sie eintauchen, ohne uns vor einem Zerfall unserer Selbst zu fürchten. Dazu können wir uns ganz bewusst ein Selbst zulegen, das wir nach aussen schicken. Dieses zweite Selbst wird uns von den Fallgruben der Authentizität schützen. Nur wenn wir uns bewusst schützen, können wir die Erfahrung der Inkohärenz unserer Selbst zur alltäglichen Gewissheit werden lassen, ohne dass wir die anderen mit unserer von Licht und Schatten durchzogenen inneren Vielfallt belästigen. Nehmen wir also unsere Haut als Schutz wahr, sozusagen als Barriere, hinter der unser zweites Selbst, unsere kreierte Persönlichkeit zum Einsatz kommt. Diese Persönlichkeit ist keine gekünstelte Pose, sondern eine konsistente, zuverlässige Haltung nach aussen.

Wir sollten jenseits des Wunsches nach Authentizität lernen, Inkohärenzen zu akzeptieren, da sie notwendig mit uns zu tun haben. Wir sollten uns diesseits unseres, auf Angst gegründeten, Bedürfnisses nach logischen Zusammenhängen, die ein täuschendes Bild des authentischen Lebens provozieren, auf das pulsieren des Lebens einlassen. Denn in diesem Pulsieren erscheinen und verlöschen unsere verschiedenen Ichs immer wieder und sie verspotten damit unser Idealbild des einen authentischen Selbstes, das wir zu sein meinen.

 

Bella